Achtung, Aufnahme!

Rotes Licht am 1. Juni im Grillo-Theater in Essen: Von dort war in einem Testlauf und zugleich als Abschluss der digitalen Phase des Theaters erstmals eine DTHG-Regionaltagung im Livestream zu erleben. Martin Hoegg und Volker Rhein, Leiter der Regionalgruppe West, führten mit großem Entertainer-Potenzial durch das Programm zum Thema Untermaschinerie sowie durch das Haus, was mit den mehreren hundert Teilnehmern analog so nicht möglich gewesen wäre.

Von Antje Grajetzky

Strahlender Sonnenschein am Dienstagmorgen in Essen. Draußen vor der Pforte des Grillo-Theaters treffe ich Martin Hoegg, Volker Rhein und Michael Lüdiger. Letzterer ist der Technische Leiter des Grillo-Theaters. Er bringt mich sofort in die Corona-Teststation im Foyer. Frisch negativ getestet finde ich den Weg über die Pforte zur Bühne. Auch Astrid Golombek und Maximilian Haase von den Städtischen Bühnen Köln sind gerade angekommen.

Drei Proben mit Generalprobe haben Hoegg, Rhein und Lüdiger für die Regionaltagung absolviert. Lüdiger sagt, es sei so aufwendig wie eine kleine Theaterproduktion gewesen. Andreas Mohnke, Account Manager bei Riedel Communications, ist für die Wuppertaler Firma dabei, die die DTHG-Cloud mit dem Livestream aus dem Grillo-Theater versorgt.

Vorhang auf und oben im zweistöckigen Bühnenaufbau der aktuellen Grillo-Produktion „Früchte des Zorns“ steht Hoegg mit Badekappe, Frotteemantel und Schlappen. Kollege Rhein liest in der Küche Zeitung, darin steht etwas von „Neustart Kultur“. Nach dem kurzen Slapstick-Intro folgt die Begrüßung durch den Schauspiel-Intendanten Christian Tombeil.

Die Tagung sei ein Testlauf und zugleich der Abschluss der digitalen Phase begrüßt Tombeil zuversichtlich das Publikum am anderen Ende des Streams. Ab dem 5. Juni will das Theater wieder vor Ort mit Besuchern spielen.

 

Elektrik in Berlin

Allein schon die Begrüßung zur Geschichte des Grillo-Theaters war eine Fundgrube voll interessanter Details zur Geschichte der Theaterbauten, an die sich der spannende Vortrag zur elektrisch betriebenen Untermaschinerie in der Staatsoper Berlin von Stephan Rolfes anschloss, via Zoom zugeschaltet. Er betonte, wie wichtig die Beteiligung von Fachfirmen, in diesem Fall Theater Engineering als Teil der Planungs-Arge ATI (Arbeitsgemeinschaft Theater Ingenieure), für Kulturbauten sei. Denn es ginge nicht um die Planung und Umsetzung allein des Leistungsverzeichnisses, sondern um das Hineindenken in Form, Struktur und Inhalt eines Baukörpers und die Suche nach flexiblen Lösungen.

So sei die Staatsoper Berlin das erste freistehende Theatergebäude in Deutschland gewesen. Deshalb befinden sich Depot und Verwaltung auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Diese logistische Infrastruktur wurde im Zuge der Sanierung unter die Straße verlegt, eine Herausforderung auf dem märkischen Sand und dessen hoch gelegenem Grundwasserspiegel.

Rolfes verdeutlichte anhand von Konstruktionszeichnungen, wie Bereitstellung von Kulissen und Verwandlungen auf der Bühne im System der Untermaschinerie auf den Punkt miteinander funktionieren müssen. Das gelang via Zoom hervorragend, da Rolfes seine Präsentation als Hintergrund geladen hatte und so auch selbst zeigend auf Details hinweisen konnte.

 

Hydraulik in Köln

345 Teilnehmer:innen zählte die Regionaltagung an den Endgeräten. Die durchschnittliche Verweildauer lag bei knapp einer Stunde. Die Informationsdichte einer solchen Veranstaltung ist ungeheuer hoch. Das Fehlen des Pausenschnacks und Netzwerkens macht sich deutlich bemerkbar. Die Zahlen sprechen jedoch für einen großen Erfolg. Und auch die rege Teilnahme am Chat zeigt dann auch vor allem den Live-Akteuren, dass da draußen jemand zuschaut. So gab es auf den Vortrag von Golombek und Haase zur hydraulischen Anlage der Kölner Bühnen einige Rückmeldungen im Chat. Besonders an der Sanierung der Untermaschinerie in Köln ist die unterirdische gemeinsame hydraulische Druckstation zwischen Schauspiel und Oper. Hierzu kam die Frage, ob beide Häuser damit gleichzeitig unter Volllast fahren können. Das soll in Zukunft möglich sein. Die Erholungszeit und neue Energiespeicherung brauche nach einem solchen Einsatz dann fünf Minuten. Aus genau diesem Grund habe man sich für eine Hydraulikanlage entschieden, da eine elektrische Anlage unter simultaner Volllast zu hohe Spitzenströme produziere.

Es wird spannend sein, in Zukunft einmal die Untermaschinerie der Kölner Bühnen im Rahmen einer DTHG-Tagung zu erleben. Wie das mit einer großen Teilnehmerzahl möglich ist, zeigte die Tagung in Essen. Denn nun ging es hinab unter die Bühne. Reinhard Hühne, Technischer Leiter des Aalto-Musiktheaters Essen, und Michael Lüdiger führten von Kameraleuten begleitet in kurzweiliger Moderation von den Versenk- und Hebeeinrichtungen auf der Bühne hinab in den Unterbühnenraum in das Innere der Drehscheibe. Informativ, unterhaltsam und auf den Punkt gelang den beiden Technikvorständen eine Führung, die analog gar nicht realisierbar gewesen wäre.

Ermöglicht wurde die Produktion des Livestreams und dessen Einbettung auf der DTHG-Homepage mit Chat, Zoom und Powerpoint durch die DTHG-Mitgliedsfirma Riedel. Account Manager Mohnke schaute die Regionaltagung auf seinem Mobiltelefon in der Theaterbar und erklärte, wie aus den unterschiedlichen Signalen ein komponierter Inhalt wird: „Wir haben mit der Unterstützung unserer Partnerfirma WIGE Solutions einen Encoder bereitgestellt, der vorkonfiguriert war und dann von der Videoabteilung des Grillo-Theaters einfach angeschlossen werden konnte. Mithilfe der WIGE haben wir dann das Content Delivery Network (CDN), den Videoplayer und die Chatfunktion für die DTHG-Homepage zur Verfügung gestellt. Der Stream wurde während der ganzen Veranstaltung aus dem Remote Operation Center (ROC) aus der Ferne überwacht, und das ROC konnte im Fall der Fälle über eine Hotline kontaktiert werden. Alles in allem war dies also ein kleines Streaming-Komplettpaket, durch das wir diese tolle Veranstaltung unterstützen konnten und sich die Regionalgruppe West der DTHG e. V. im Grillo-Theater sehr gut und unterhaltsam präsentiert hat.“

Auf der Bühne des Essener Theaters stehen zum Abschied noch einmal alle Mitwirkenden beisammen – ein großes Dankeschön in die Runde und das Rotlicht an den Kameras erlöscht. Mit der Unterstützung des Grillo-Theaters und der Firma Riedel ist der Regionalgruppe West mit ihren Leitern Martin Hoegg und Volker Rhein eine hervorragende Livestream-Produktion gelungen. Chapeau!

 

 

Antje Grajetzky arbeitet als freie Kulturjournalistin und -managerin im Ruhrgebiet. Schwerpunkte: Musik und Sound, Bühnenproduktionen auf der Schnittstelle zwischen Kunst und Technik, Kulturförderung und Kulturelle Bildung. Seit März 2020 ist sie Kulturreferentin bei der Stadt Gelsenkirchen.

 

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