DTHG-Regionaltagung West im Kölner Staatenhaus: Chancen des Interims nutzen

Seit November 2015 ist das Staatenhaus in Köln-Deutz Ersatzspielstätte der Oper Köln, die seit Juni 2012 und voraussichtlich noch bis zum Sommer 2022 wegen Sanierung geschlossen ist. DTHG-Regionalleiter West Volker Rhein ist als Technischer Leiter an der Oper Köln tätig und hat gemeinsam mit seinem Verbandskollegen Martin Högg (HOAC) zur DTHG-Regionaltagung West am 24.10.2018 ins Staatenhaus eingeladen. Die Location stand im Mittelpunkt des Tagungsprogramms mit dem Schwerpunkt „Interim“.

Volker Rhein und Max Haase (Assistent des Technischen Direktors) berichteten mit schicksalsergebenem Humor von den Entscheidungsprozessen, den Umzugs-, Bau- und Einrichtungsmaßnahmen im Staatenhaus, den Umständen des derzeitigen Betriebes und den Auswirkungen auf die Gesamtinstitution Bühnen Köln. Letztere ist mit Interimsstätten des Schauspiels an einem anderen Ort und Containern für die Intendanz sowie einige Werkstätten am eigentlichen Sitz am Offenbachplatz für Jahre hinsichtlich der gemeinsamen Teamarbeit eingeschränkt.

Das Staatenhaus ist derzeit Eigentum der Stadt Köln. Es wurde bereits im Jahr 2011, als es noch zur Messe Köln gehörte, als Spielstätte genutzt. Bevor die Oper einzog, war es eine Flüchtlingsunterkunft und sollte eigentlich künftig für Musicalaufführungen genutzt werden.

Als die Oper einziehen sollte, bestand keine Genehmigung als Versammlungsstätte mehr, sodass alle Einrichtungen geprüft und gewartet werden musste.

Die Oper Köln hat in drei Hallen des Staatenhauses Spielstätten eingerichtet – ohne Schnürboden und ohne Untermaschinerie. Mangels eines Orchestergrabens sitzt das Orchester seitlich zwischen Bühne und Publikum. Ein täglicher Wechsel der Aufführungen ist nicht möglich: Es werden jeweils mindestens ein Tag für den Abbau eines Bühnenbildes und drei Tage für den Aufbau der nächsten Produktion benötigt. Wie Volker Rhein berichtet, können inzwischen alle Mitarbeiter Stapler und Steiger fahren. Aus akustischen Gründen können nicht mehrere Bühnen gleichzeitig genutzt werden.

Hinsichtlich des bestehenden Opernrepertoires hatte Volker Rhein im Jahr 2015 ermittelt, welche vorhandenen Bühnenbilder im Staatenhaus aufgebaut werden können, welche nicht und welche erst nach Arbeiten mit der Kettensäge …

Zwar gibt es seitens des Teams, das sich mit der Arbeitsstätte bestmöglich arrangieren muss, einiges zu beklagen, z. B. die langen Wege im Gebäude, zu wenige Büroarbeitsplätze und die Tatsache, dass die Künstler keinen eigenen Eingang in den Saal haben. Über mangelnde Zuschauer klagen die Bühnen Köln dennoch nicht.

„Langsam reicht es!“, ist als Tenor zu spüren. Doch Rhein und Haase sehen diese Periode als erfahrungsreichen Karriereabschnitt an und präsentierten den mehr als 80 Teilnehmern der Regionaltagung einige Thesen, die für ähnlich Betroffene hilfreich sein können:

  1. Interim geht alle an.
  2. Nichts sollte zu technisch angegangen werden. Komplizierter sind die weichen Faktoren, das Zueigenmachen des Raumes.
  3. Die stetige Präsenz der Theaterleitung ist wichtig. Das Allerwichtigste ist eine Kantine als Kommunikationsraum.
  4. Die Chancen der Interimssituation sollten bestmöglich genutzt werden.
  5. Die Mitarbeiter müssen eingebunden werden.
  6. Das Interim bietet die Möglichkeit, mit Theatertradition zu brechen. Es gibt kein „Das machen wir immer so…“
  7. Eine Interimslösung ist ein „Plan B“: Die Risiken sind groß und es ist kaum möglich, sie politisch zu beziffern.
  8. Ein Interim ist immer eine Ära und wird im Nachhinein als solche wahrgenommen.
  9. Zur Dokumentation sollten professionelle Fotos, keine Handyfotos von schlechter Qualität, gemacht werden.

 

Reinhold Daberto und Tom Lüdicke (theater projekte daberto + kollegen planungsgesellschaft mbh) erläuterten in ihrem Vortrag „Der Gang ins Interim – viele Wege können zum Ziel führen“, welche Arten von Interimsspielstätten es gibt und welche Kennzahlen entscheidend für die Wahl der optimalen Lösung sind.

Je nach Dauer der geplanten Nichtverfügbarkeit der sanierungsbedürftigen Hauptspielstätte, Witterungsbedingungen, Art der geplanten Aufführungen, Budget und weiteren Parametern könne die beste Lösung entweder ein Zelt, eine Zelthalle, eine Bestandshalle (wie das Staatenhaus) oder eine eigens anzufertigende Leichtbauhalle sein. Lüdicke veranschaulichte die Schritte der  Bedarfsanalyse, Planung und Umsetzung anhand detaillierter Grafiken. Er hob hervor, dass Sanierungen in der Regel zwei bis sechs Jahre dauern, immer jedoch länger als erwartet und dass rechtzeitige und umfassende Kommunikation zwischen allen relevanten Stakeholdern enorm wichtig sei.

Reinhold Daberto rief die anwesenden Techniker auf, sich ggfs. im Rahmen ihrer Möglichkeiten am „Programming“ des Interimsspielortes zu beteiligen und Ideen für den Umgang mit der Spielstätte einzubringen. Es solle stets auch bedacht werden, welche Auswirkungen die alternativen Interimsmöglichkeiten für die Stadt haben. Eine dezentrale Interimsspielstätte könne durchaus Vorteile haben, in dem sie ein Quartier belebe und zu einer neuen Infrastruktur beitrage.

 

Michael Kelm (Nüssli) präsentierte in seinem Vortrag „Ausweichspielstätten für Theater – temporär, spektakulär und kostenoptimiert“ kreative Praxisbeispiele, z.B. einen von außen mit goldenem Rettungsdeckenmaterial verkleideten Holzbau auf einem Gletscher in Graubünden.

Die weltweit aktive Firma Nüssli hat sich auf ein Baukastensystem mit „Bausteinen“ für Traversen, Treppen, Bühnenriggs, Tribünen etc. spezialisiert, mittels dessen Spielstätten je nach Bedarf des Auftraggebers konstruiert werden können. Die Vorteile liegen in der Skalierbarkeit, den effizienten Transportmöglichkeiten und nicht zuletzt der Wiederverwendbarkeit der Bauteile.

Wie Kelm erläuterte, sei bei der Planung auch zu bedenken, dass Personal stets teurer als Material sei und die Betriebskosten nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

 

Ein gelungenes Beispiel für eine kurzfristige Interimslösung präsentierte DTHG-Mitglied Holger Beckschebe, Bühneninspektor und Projektleiter am Oldenburgischen Staatstheater. Im Sommer 2018 errichtete das Theater aufgrund der Sanierung der Hauptspielstätte ein Zirkuszelt auf einem ehemaligen Industriegrundstück am Fluss Hunte als Ersatzspielstätte. Zwei Drittel der Arena wurden für 1000 Zuschauerplätze genutzt, das restliche Drittel für das Bühnenbild. Der Backstagebereich wurde in Containern eingerichtet; Maske und Requisiten fanden im ehemaligen Bürogebäude des Grundstücks Platz. Nach dem Motto „Wenn Zelt, dann richtig!“ bot das Theater ein Rahmenprogramm mit Kirmesbuden, Gauklern, Flohmarkt, Outdoor-Catering und außerdem einem Anleger am Wasser, so dass die Gäste auch auf diesem Weg anreisen konnten, und einen kleinen Strand an. Der Plan ging bestens auf: Die Besucherzahl bei den Aufführungen von „Alice im Wunderland“ und „Die Comedian Harmonists“ sowie Kleinkunstveranstaltungen war doppelt so hoch wie bei den Aufführungen im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Die auf Energieführungssysteme für alle Industrieformen spezialisierte igus®GmbH mit Sitz in Köln ist seit dem Jahr 2018 DTHG-Firmenmitglied. Thomas Piepenbring, Industry Manager Stage Technology, stellte in einer bildreichen Präsentation das weltweit agierende Unternehmen und die Einsatzmöglichkeiten der Produkte – z. B. Zickzackbänder, Twisterbänder, Liftbänder und Spiralketten, in denen Leitungen für Hydraulik, Strom oder Daten verlaufen, ohne dass die Leitungen unnötig gebogen werden – vor. Sein Credo: Kabelmanagement müsse stets als essentieller Teil der Gesamtplanung eines Bauprojektes betrachtet werden.

 

Unter dem Tagesordnungspunkt „DTHG aktiv“ kündigte Wesko Rohde (DTHG-Vorstand) die fünf ab November 2018 von der DTHG mit Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) veranstalteten Symposien zum Thema Bau und Sanierung von Spielstätten an. Geschäftsführer Hubert Eckart berichtete über die derzeitigen Projekte der Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft (IGVW), die nun als eingetragener Verein unter dem Vorsitz von Wesko Rohde ihre Position weiter gefestigt hat. Zurzeit werde der Branchenstandard SQP2 für Elektrokettenzüge überarbeitet und eine neue Standardserie SQO… entwickelt, wobei O für Organisation stehe. In dieser sei als erstes ein Standard für Veranstaltungsleiter (Unternehmer) geplant. Für viel Zündstoff im wörtlichen Sinne sorge der voraussichtlich im Jahr 2019 erscheinende Standard SQP7 für Dekorationen. Dieser betreffe sowohl Dekorationen, die die EU-Anforderungen erfüllen, als auch solche, für die dies noch nicht der Fall ist. Für letztere würden Flammtests und Möglichkeiten für kompetentes Fachpersonal an Spielstätten entwickelt, mit Hilfe derer auf der Grundlage von Erfahrungswissen und qualifizierter Arbeit rechtlich zulässige Dokumentationen erstellt werden könnten. Ebenfalls in Arbeit sei ein Qualifizierungsstandard für Inspizienten in Form eines modularen Systems.

Arved Hammerstädt (DTHG-Vorstand) berichtete über die Vorbereitungen der Stage|Set|Scenery 2019. In Kürze werde ein „Call for papers“ für das Konferenzprogramm an die Mitglieder versandt.

Der im Jahr 2019 zum dritten Mal verliehene Weltenbauer.-Preis sowie der Weltenbauer.Youngsters-Award werden erstmals von der OISTAT unterstützt, wodurch mit Einreichungen aus dem Ausland zu rechnen sei. Zudem kündigte Hammerstädt das DTHG-Firmensymposium 2019 an, das am 25.01. in Berlin stattfinden wird.

Christoph Hoppermann, Vorstandsbeauftragter für das neu gegründete DTHG-Berufseinsteigernetzwerk, berichtete von den ersten drei Treffen in Hannover, Dresden und Köln und bot an, Themenvorschläge für das Netzwerktreffen auf der Stage|Set|Scenery aufzunehmen.

Den Abschluss der sehr informativen und kommunikativen Regionaltagung bot ein umfassender Rundgang durch das Staatenhaus unter der Leitung von Volker Rhein und Max Haase.

Juliane Schmidt-Sodingen

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