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Eckart & Rohde – Pro & Contra

Heute: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte ??

Die Streitkolumne des Sommers.

Wie oft haben Sie schon einen Vortrag besucht, bei dem der Referent meinte, mit einer PowerPoint-Präsentation seinem Publikum etwas Besonderes bieten zu müssen? Wie oft haben Sie dabei erlebt, dass schon nach wenigen Minuten alle Augen nur auf die Bilder gerichtet waren und niemand mehr dem Redner zuzuhören scheint? – Oft. Zu oft. Ist das nun ein Beweis für den Ausspruch: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte! Oder ist es nur ein Beleg für die schlechte Dramaturgie eines Redners?

Wie auch immer. Die meisten Menschen sind bereit diese Binsenweisheit, die sich bei genauerem Betrachten als Küchenspruch oder Treppenwitz oder Torheit entpuppt, zu glauben. Darin liegt ja gerade die Kraft solcher Banalitäten. Man denke nur an:

  • Jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hängt von der Autoindustrie ab;
  • Ein Tempolimit verursacht Staus;
  • Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen;
    usw.

Nur zu gern übernehmen wir diese Sprüche ohne darüber nachzudenken oder ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Gerade die letzte Binse (“Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“) wird gerne als ein Zitat aus der Bibel verkauft. In Wirklichkeit war es der Sozialistenführer August Bebel, der im 21. Kapitel seiner Grundgesetze der sozialistischen Gesellschaft sich eine fatale Freizügigkeit erlaubte. Denn im Brief des Apostel Paulus an die Thessaloniker heißt es:

Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.<

Heute freilich in Zeiten von #BebelPlag würde so etwas nicht mehr durchgehen.

Und weil wir gerade bei der Bibel sind, sollten wir uns erinnern, dass es da heißt: Am Anfang war das Wort und eben nicht: am Anfang war das (Instagram)-Foto.

Wer Bildern eine größere Aussagekraft als Worten zugesteht, der irrt. Das Bilder eine starke und unmittelbare Wirkung haben liegt nur daran, dass sie sozusagen schon im endgültigen Format vorliegen. Sie sind fertig und wir sind in der Lage, sie ganz unmittelbar zu erfassen. Die Gehirnarbeit ist minimal. Bei Texten ist das etwas anders. Sie müssen den Weg über unser Denken nehmen, um verstanden zu werden. Dieser neuronale Vorgang erfordert Zeit und je nach Anspruch des Textes auch gelegentlich Vorbildung und Intelligenz.

Gut geschriebener Text lässt im Kopf eigene Bilder entstehen, die aussage- und wirkmächtiger sind als alle Fotos. Man denke nur noch einmal an die Bibel. Selbst jeder Atheist wird Textpassagen daraus erinnern.

Die deutsche Sprache zählt zu den wortreichsten. Sie hat vermutlich einen Schatz von 500.000 verschiedenen Worten. Goethe, der als letztes Universalgenie gilt, benutzte nachweislich ca. 25.000 ! Wer heute etwas auf sich hält und beispielsweise die FAZ, Süddeutsche oder die ZEIT oder auch die BTR liest, verfügt in der Regel über einen aktiven Wortschatz von 2.500 Wörtern.

Facebook-, Instagram- und WhatsApp-User und BILD-Zeitungsleser schaffen es gerade mal auf 400. Das ist auch der Grund, weshalb sie ohne Bilder nicht auskommen. Dabei haben sich auch die beliebten Emoticons eingebürgert, mit denen man eine Stimmungslage eindrucksvoll ausdrücken können soll.

LOL.

Shakespeare ist heute bei den Briten nicht nur wegen seiner großartigen Dramen beliebt. Er zählte auch zu den großen Worterfindern seiner Zeit. Ca. 2000 Wortschöpfungen hat er in seinen Stücken untergebracht, viele davon sind bis heute im englischen Alltagssprech erhalten geblieben.

“Rettet das Wort!” – möchte man den Theatermachern zurufen, wenn man die hoffnungslos überbilderten Inszenierungen mit zahllosen Videoeinspielungen sieht, die am Ende doch nur den Schauspieler daran hindern, ungestört seinen Text gestalten und den Zuschauer nervt, eben genau diesem Text folgen zu können.

Übrigens hatte die Menschheit schon vor knapp 200 Jahren das perfekte Gerät zur Verbreitung von Texten erfunden: die Schreibmaschine. Jüngere Leser werden jetzt den Begriff googeln und ein Bild sehen, das aber nichts über die wundersame Wirkungsweise und die hohe Perfektion vermitteln kann. All denen, die noch so ein Gerät auf dem Dachboden haben, empfehle ich, sie hervorzuholen und ein weißes Blatt Papier einzuspannen. Danach geht alles wie von selbst…der Text fließt nur so aus unserem Gehirn über die Tastatur aufs Papier begleitet von dem Geklapper der Tasten, diesem Sound des Schreibens.

Um ein Ende meines Textes zu finden (es handelt sich hier um knapp 4000 Zeichen) und es meinem Cotrahenten schwerer zu machen sei ein letztes Mal die Bibel zitiert:

Du sollst Dir kein Bildnis machen!<

Bitte Herr Rohde, übernehmen sie …

Hubert Eckart

Entgegnung:

Du sollst Dir kein Bildnis machen.

Das ist eigentlich bereits der Beweis für die Gewalt der Bildgewalt. Von der Höhlenmalerei bis zu Picassos “Guernica” sind Bilder die großen Speicher starker Emotionen.

Deshalb hat es auch nie geklappt, das “Nichtbebildern”.
Gott, der Unausprechliche, das ganz Besondere , sollte nicht bebildert werden. Die Sixtinische Kapelle- am Ort der Hüter dieser Anweisung- der Gegenbeweis. Bilder sind mächtig und machen den Mächtigen Angst, deshalb zerstört man sie auch immer wieder gerne. Die Welt schaut dann mit Entsetzen auf genau jene Bilder, die das Desaster zeigen. Die Bilder vom Vietnamkrieg haben die Antikriegsbewegung ausgelöst und hallen noch nach. Eindrucksvolle Bilder. Die Mona Lisa. Das reine Schöne. Arnold Böcklin. Die Toteninsel. Eine Bild mit ansteckender Traurigkeit. Es ginge immer so weiter.

Wen es nach den großen epochalen Bildern verlangt, dem empfehle ich Werner Tübkes Bauernkriegsdenkmal in Bad Frankenhausen am Fuße des Kyffhäusers gelegen. Ein Haus nur für ein Bild. Bildgewalt, die sich nur eine kleine Diktatur leisten konnte.

“Die Behörden versuchen vor Ort, sich ein Bild von der Lage zu machen”. Ersetze Bild durch Wort.

Mit Worten zieht man sich aus der Affäre, nicht mit Bildern. Sie sind ehrlicher und doch trügerisch, denkt man an eine Fata Morgana.

Aber es geht auch einfacher:

In jeder Fibel beim Schreibenlernen oder wenn eine Sprache erlernt werden soll: Bilder, Bilder, Bilder. Wir prägen uns Worte ein, wenn wir ein Bild vor Augen haben. Nicht zuletzt Hinweisschilder, Wegweiser und Verbote. Einfache Symbole, kinderleicht zu verstehen. In der Tendenz eher zu viele. Im Schilderwald, dem Dickicht der Städte.

Theater ist Bild. Eine Bild mit Sprache und lebenden Menschen. Wahrscheinlich das beste aller Bilder, kaum festzuhalten und nie genau so zu wiederholen wie beim ersten Mal. Dafür haben wir Häuser und Arenen geschaffen. Das Projekt hat schon mehrere tausend Jahre Bestand und gewinnt gerade wieder an Fahrt.

Moderne Technik soll helfen und kann im besten Falle digitale Bilder in Kay Voges Bilderwelt erzeugen und die Schauspieler beflügeln. Das kann nicht jeder, wie auch nicht jeder wie Picasso die Taube mit einen Pinselstrich malen kann.

Worte erzeugen die stärksten Bilder und die Projektionsfläche ist der Kopf.

Hier Brechts Bild für Eure Köpfe aus der Erinnerung an Marie A.:

Und über uns im schönen Sommerhimmel

War eine Wolke, die ich lange sah

Sie war sehr weiß und ungeheuer oben

Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

..und danach versucht Euch mal kein Bild zu machen! Wortmalerei. Eine schönes Wort.

Wie Bildung.

Wesko Rohde

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