PODIUM

Eckart & Rohde – Pro und Contra – Kolumne

Ich bin (da), also bin ich (wichtig)!

Stellen Sie sich vor, Sie sind zu einem rauschenden Ball eingeladen. Ein großes Fest, welches mit einem Gala-Dinner beginnt. Und Sie dürfen Platz nehmen am Tisch der vornehmen Gesellschaft. Sie werfen sich in Schale und auf gehts.
Doch als sie auf dem Fest ankommen und Platz genommen haben eröffnet ihnen der Gastgeber, dass es ein Malheur gibt: eines der zahlreichen Gerichte ist verdorben. Leider. Man weiß nicht warum und wie, aber man weiß, dass es nicht gut ist. Die Köche haben es probiert. Drei wurden davon so krank, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden mussten, einer starb sogar kurz darauf. Qualvoll. Die anderen Köche dagegen haben gar nichts gemerkt.
Nun ist das Vertrackte an der Angelenheit, dass man nicht weiß, welches der vielen Gerichte das Verdorbene ist. Leider.
Was tun?, fragt der Hausherr.
Die Einen sagen: das Fest muss ausfallen.
Die Anderen sagen: nicht soviel essen und alle Speisen derweil untersuchen. Wieder Andere wollen verschiedene Gegenmittel ausprobieren. Und ganz Schlaue, wollen die Anzahl aller Köche ins Verhältnis zu den Erkrankten und Gestorbenen setzen und daraus erkennen, dass die Gefahr eigentlich minimal ist und deshalb das Fest nicht abgesagt werden muss.

Das Fest heißt Leben und die verdorbene Speise Corona.

Es ist verständlich, dass wir als Partygäste nicht auf Feste und Galadinner verzichten wollen. Aber richtig ist es nicht.
Zumal – ja, und da hinkt das Beispiel, wie jedes – die Gefahr nicht nur vom „Essen“, sondern von den Menschen, die sich gegenseitig anstecken, ausgeht. Fressen ist ansteckend.

Was macht man mit einer Gesellschaft, die die letzten zweihundert Jahre damit verbracht hat, eine Party nach der anderen zu feiern und dabei zu verheizen, was der Planet hergab? Eine Gesellschaft, die glaubte, das Wachstum sei unendlich.
Was tun, wenn die Party in Gefahr ?
Einfach ignorieren? Geht nicht, das haben schon die Schwachmaten und Populisten besetzt. Außerdem ist es ganz offensichtlich plump und doof.

Die Lösung: wir machen was Intelligentes, was Kreatives.
Wir essen nur ein wenig, mit Mundschutz, dazu virtuell, im Stream, in VR, AR oder am besten XR und manchmal essen wir mit nur einem Koch, 1:1 sozusagen. Der Koch kostet vor, was uns dann nicht krank macht. Sonst hätten die Köche ja auch nichts mehr zu tun, keine Arbeit, kein Geld usw.

Man hat den Eindruck, die Künstler werden derzeit ihrer Rolle als Kreative besonders gerecht. Sie erfinden landauf, landab immer neue Formen, um zu beweisen, dass Kunst auch zu Zeiten von Corona geht.
Dabei ist schon diese Hypothese eine Anmaßung. Schauspieler, Sänger, Musiker und Tänzer (inclus. aller #Innen) nehmen hier eine Generalvertretungsvollmacht in Anspruch, die sie nicht besitzen.
Zu den Künsten zählen ebenso die Literatur, die Malerei, die Architektur, also die angewandten Künste und die kann jeder nach Lust und Laune oder seinen geistigen Bedürfnissen ungebremst genießen.
Doch das geht in der aktuellen Debatte unter, die ja auch keine richtige Debatte ist, sondern zu einem Wettrennen verkommt, wer als erster den Anschein vermitteln kann, wieder an der Festtafel zu speisen.

Der Einwand, es ginge den live-Künstlern ums Überleben und wir, die Gesellschaft, wir brauchen die Kunst in guten aber auch in schlechten Zeiten, ist unglaubwürdig.
Aus mindestens zwei Gründen.
1. Auch wenn wir Grundeinkommen für Künstler einführten, was das Überleben sichern würde, könnten diese nicht auf ihren Selbstdarstellungszwang verzichten.
2. Auch wenn wir uns für eine Zeitlang mit den ungelesenen Büchern, den nicht gehörten Aufnahmen von Musik, Dramen, Komödien, den nicht gesehen Filmen, Bildbänden, Reproduktionen versorgen würden, würden wir doch nach dem live-Event gieren.

Und so arrangieren wir derzeit Treffen der Selbstdarsteller. Die Rollen sind gut verteilt. Die einen spielen die kreativen Künstler, die es wieder einmal geschafft und sich durchgekämpft haben. Und die anderen spielen die mutigen Zuschauer, die die Kraft haben, ihre Angst zu überwinden.
Befeuert werden beide Seiten von der Journaille, die gierend nach etwas Berichtenswertem in so ereignisarmen Zeiten, wie Nektar am tröpfelnden Event saugt, auch wenn es nur eine Performance in der Unterbühne oder ein Konzert eines Musikers für einen Zuschauer ist. In keinem Bericht über diese 1:1 Konzerte war bisher zu lesen, welche Stücke von welchen Komponisten gespielt wurden (oder gar von einer Uraufführung eines in Coronazeiten betroffenen Komponisten die Rede) was nicht verwundert. Außer für Klavier oder Orgel hört sich vieles wie eine Übungsstunde des Musikers an. Und wer begehrte bisher Einlaß bei einem Bratscher, um ihm beim Üben zuzuhören? Und wer, außer einem Bratscher vielleicht, würde einen Zuhörer einlassen, wenn er üben will?

Alles egal. Nachdem die virtuelle Sau durchs mediale Dorf getrieben wurde, können wir endlich über etwas analoges berichten und bei Inhalten darf man nicht so kleinlich sein.
Wer fragt schon, was die Theater derzeit spielen, die Nachricht ist, DAS sie spielen. Im Zweifel Beckett, Kafka…oder so.
Oder so geht immer.

Hubert Eckart

Essen, Trinken, Schlafen muss man, aber keiner muss ins Theater

Gerd Fröbe

Gerade sitze ich im Zug nach Berlin und es ist gruselig. Ein wohliges Gefühl stellt sich nicht ein, wo ich eigentlich die Reisezeit immer sehr gerne mit Lesen und Dösen verbringe. Ein süßer Müßiggang, an dem ich sonst viel und jetzt keine rechte Freude finde.
Es ist leise. Keine Kegelschwestern. Keine Leberwurstbrote, keine hartgekochten Eier. Niemand tauscht am Telefon Belanglosigkeiten mit Tante Uschi aus. Keiner knistert mit Tüten – danke, Corona.

Neben dem Gruppenausflug gehört für mich der Gang in ein Restaurant zu den verzichtbaren Ereignissen dazu. Dort gehe ich hin, um mit Menschen den Ort und die Atmosphäre zu genießen. Das geht grad nicht. Zumindest für mich nicht. Ich kaufe ab und an einen Gutschein, damit die Wirtinnen überleben und würde es auch mit anderen Sachen so halten. Aber mir fehlen die Leute, die ich sonst mitunter verfluchen möchte, weil sie immer zu laut dort reden. Dabei neige ich selbst mehr als andere auch dazu und sollte eigentlich still sein. Wie auch immer: Kneipe funktioniert nicht.

Zweitens, auch wenn erstens nicht offiziell da war: Ich liebe das Theater. Nicht jedes Stück und schon gar nicht jede Inszenierung. Nicht jedes Haus und schon gar nicht jede Stadt. An meiner Liebe zum Theater und den ganzen vielen bunten und (durchaus) verrückten Leuten besteht aber kein Zweifel. Ich halte die Häuser für die besten und kreativsten Orte der Städte. Theater ist Heimat. Ich gehöre da hin.

Dennoch ergeht es mir bei den gegenwärtig geplanten und beschriebenen Vorstellungen wie im Zug. Ein wohliges Gefühl der Gemeinschaft tritt nicht ein und ein Genuss schon gar nicht.
Die vielen kleinen Öffnungen und das schrittweise Vorgaukeln der Normalität hilft nix. Theater braucht Leute, ringsum. Die (absolut notwendigen) Abstandsregeln sind der stille Tod des Ereignisses. Alles ist wie eine Schulklasse in der Generalprobe. Besser als Unterricht, mehr nicht.

Ein Ereignis steht dem entgegen und erfüllt mein geschundenes Herz mit großer Freude. Konzerte, die nur von einem Musiker für eine Person aufgeführt werden. Ein Mikrokosmos des ganzen Universums in der Nussschale.
Da kann ich mich fast so frei fühlen, dass es mich zu Tränen rühren könnte.

Kein Abstand – Distanz, kein Klangkörper – ein Mensch. Die Anonymität des Orchestergrabens ist von Corona aufgehoben. Was für eine fröhliches Schicksal der geplagten Musikmenschen. Dazu muss man nicht mutig sein, nur bereit.

Die kleinste Großveranstaltung der Welt. Auch vor dem 31.08.2020.
Das kann ich mir vorstellen. Sicher ist es mehr als eine Fingerübung und ganz bestimmt aufregend für beide Seiten.

Wesko Rohde

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