Interview mit Omar Samhoun und Timo Dalacker von Neumann&Müller Veranstaltungstechnik

Wie geht es Euch und dem Team in der jetzigen Situation?

Omar Samhoun: Den Umständen entsprechend gut. Der überwiegende Teil der Kollegen ist in Kurzarbeit. Wir sind froh, dass wir nur wenige Corona-Fälle in unseren Reihen haben. N&M hat ein zuverlässig funktionierendes Hygiene-Konzept zum Schutz der Mitarbeiter und alle halten sich an diese Regeln. Die Ungewissheit, wann es endlich weitergehen kann und natürlich die fehlenden Möglichkeiten, mit großer Leidenschaft Live-Events umzusetzen, zehren aber an unseren Nerven. 

Timo Dalacker: Die Homeoffice-Situation ist nicht überall einfach: Viele Kollegen haben kleine Kinder. Wenn dann mal Arbeit da ist, will auch das Private erst einmal organisiert werden. Wir wollen am liebsten alle wieder ganz normal arbeiten und gemeinsam mit unseren Kunden an einem Tisch sitzen, Pläne und technische Konzepte entwickeln – und natürlich auch umsetzen. Nur leider interessiert das dieses Virus irgendwie nicht. Auch uns Technikern fehlt die Bühne, fehlen die Live-Begegnungen, vor allem die strahlenden Gesichter von Besuchern und natürlich der Applaus. 

Himmel über Prohlis, Bild: Neumann&Müller.

Ihr seid weltweit bekannt für euer Portfolio. Ihr bietet ein Rundum-sorglos-Paket an, von Audio, Lighting, Video, Staging, bis hin zu Event-IT und Content Production. Welche Entwicklung habt ihr in den letzten Jahren mit dem Design eurer Events durchlaufen?

Omar Samhoun: Ja, wir sehen uns als umfassend aufgestellter Technikpartner mit hohem Qualitätsanspruch. Dabei stehen für uns die Projektidee und der gemeinsame Erfolg mit dem Kunden an erster Stelle. Es sind für uns ganz klar die besonderen Menschen, die unsere Branche ausmachen. Egal ob Theaterleute oder Eventtechniker: Alle sind mit Leidenschaft und großer Freude bei der Arbeit. Die Entwicklungen bei uns sind sehr oft anforderungsgetrieben. Vielfach sind es auch hier Menschen, die uns begegnen und etwas ganz Besonderes können oder eine besondere Passion mitbringen, was dann gut zu uns passt. So haben wir schon früh angefangen, uns mit dem zusätzlichen Bedarf unserer Industriekunden an Netzwerklösungen zu beschäftigen und hiernach konsequent den N&M-Bereich „Event-IT“ für temporäre Datennetze aufgebaut. Unser NOC (Network Operations Center) in Hannover überwacht dabei sämtliche Netze unserer Veranstaltungen zentral und steht mit umfangreichem Expertenwissen allen Mitarbeitern zur Verfügung.
Auch unsere Leistungen im Bereich „Content Production“ – inzwischen sprechen wir auch hier von einem kompletten Geschäftsbereich, der als „Digital Media“ firmiert – sind aus der Anforderung der Übersetzung von grafischen und künstlerischen Elementen in die technische Sprache von Medienservern und Abspielsystemen entstanden. Mit Klaus Ostermayer und Daniel Zoschke haben wir zwei hochkreative Köpfe mit Blick für Inhalt und Design in der Studioleitung, die auch den Kreativ-Part auf Kundenseite mit Rat und Tat bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützen. Inzwischen liefern unsere Digital Media-Studios aber auch Programmierlösungen für IoT-Anwendungen und Tracking-Interaktionen auf der Bühne. Das hier aufgebaute Wissen hilft uns natürlich ganz aktuell in der Umsetzung und Weiterentwicklung von hybriden bzw. volldigitalen Eventformaten. 

Timo Dalacker: Wir haben vor dem Hintergrund der Pandemiebedingungen den Bereich Digital-Live-Events etabliert, um hier das Wissen rund um Veranstaltungsplattformen, Collaboration-Tools, Live-Zuschaltungen und nicht zuletzt auch Studio- bzw. Broadcasttechnik zu bündeln und weiterzuentwickeln. Ein Bereich, den wir übrigens bereits vor der Pandemie im Auge hatten, seit wir mit unserer „come2interact“-Applikation für Live-Events ein Produkt für mehr Interaktion mit dem Publikum im Angebot haben. 

Welche Rolle spielt Innovation für euch?

Omar Samhoun: Wir sind durch und durch Techniker. Der Wunsch, etwas Neues auszuprobieren, das Unmögliche möglich zu machen und am Puls der Zeit zu bleiben, ist für uns gelebte Passion und zugleich die Triebkraft, in einem durchaus komplexen Arbeitsumfeld zu agieren. Wir müssen nicht immer die Ersten sein. Wir haben aber viel Freude daran, etwas Neues auszuprobieren, Lösungen zu entwickeln und in die Praxis zu überführen. Am Ende muss es aber nicht nur neu sein, sondern auch im Alltag bestehen. Die Digitalisierung bringt massive Vorteile, schafft aber auch ganz neue Anforderungen an die Qualifikation unserer Mitarbeiter. Innovationen haben immer die Theater- und Veranstaltungslandschaft geprägt. Dennoch geht es aber nicht um neue LED-Scheinwerfer oder Video-LED-Technologien, sondern immer um die Idee einer Inszenierung, ob im Theater oder für eine Produktpräsentation – und damit um die Zielgruppe, also Menschen, die gemeinsam etwas erleben wollen. Um für unsere Kunden außergewöhnliche mediale Erlebnisse zu schaffen, haben wir in kurzer Zeit rein digitale Lösungen wie unsere xR-Studios (Extended Reality Studios) und die Web-Plattform „come2join“ für Digital-Live-Events entwickelt. Die xR-Studios ermöglichen mit ihren virtuellen 3D-Welten völlig neue Möglichkeiten für Live-Streaming-Events und Voraufzeichnungen. In Zusammenspiel mit come2join werden solche Events dann auch wirklich abwechslungsreich und ein interaktives Erlebnis für alle Zuschauer. Mit solchen Innovationen eröffnen sich viele neue Horizonte und machen letztlich unsere Mitarbeiter auch ein wenig stolz. 

Wie wirkt sich die Corona-Situation auf die langfristige Planung eures Unternehmens aus?

Timo Dalacker: Corona raubt uns unsere Existenz. Ja, wir leben noch, aber wir können aktuell weder arbeiten, noch Geld verdienen, noch unser Unternehmen weiterentwickeln. Wir sind die Ersten, die den Lockdown zu spüren bekommen haben, und werden die Letzten sein, für die wieder so etwas wie „Normalität“ einkehren wird. Klar versuchen wir, uns mit dem, was wir machen können, über Wasser zu halten. Aber nicht alle Mitarbeiter lassen sich von heute auf morgen zu Streaming-Technikern umschulen. Dank der Überbrückungshilfen können wir weiter die Mieten für unsere Büros und Lagerstandorte bezahlen. Aber die Pandemie wird noch einige Jahre ihre Spuren hinterlassen. Wir sind froh, so viele tolle Menschen in unserem Unternehmen zu haben, die es schaffen, die Situation mit uns gemeinsam auszuhalten, die flexibel sind und sich in jede neue Herausforderung stürzen, die sich ergibt. Diese Menschen werden wir alle brauchen, wenn es wieder losgeht – und sicher wird es ein langsamer Restart sein. Mehr Unterstützung durch die Politik würde uns helfen, schneller wieder zur vollen Leistungsfähigkeit zu kommen und die pandemie-bedingten, unverschuldeten Verluste aufzufangen. Daher engagieren wir uns auch in der Initiative „#Alarmstufe Rot“.

Wohin geht der Trend für zukünftige Veranstaltungen?

Digital-Gipfel 2020, Bild: Neumann&Müller.

Timo Dalacker: Rein digitale bzw. hybride Event-Formate werden sicher auch in Zukunft die hoffentlich bald wieder stattfindenden Präsenzveranstaltungen ergänzen. Die Digitalisierung hat als Folge der Corona-Pandemie enorm an Fahrt aufgenommen. Viele Unternehmen erkennen durch ein kreatives Einbeziehen der digitalen Möglichkeiten die Bereicherung für ihre Veranstaltungen. Diese geben Planungssicherheit, sorgen für hohe Flexibilität und verstärken die Reichweite der Events.

Omar Samhoun: Menschen wollen sich aber auch begegnen. Wir glauben fest an die Strahlkraft und den Erlebniswert von Live-Veranstaltungen, egal ob das Messen und Kongresse mit abendlichem Get-together, öffentliche Theater- und Kulturveranstaltungen oder auch Produktpräsentationen sind. Für reine Informationsvermittlung ist das digitale Format effizient, flexibel und nachhaltig. Sobald Emotionen ins Spiel kommen, möchte man live dabei sein und sich mit Menschen direkt und ohne technische Unterstützung austauschen können. 

Domstufen-Open Air 2020, Bild: Neumann&Müller.

Welche Pläne und Wünsche habt ihr für dieses Jahr?

Timo Dalacker: Wir wünschen uns klare Konzepte und Perspektiven für die Wiederaufnahme von Live-Events. Für die Zeit bis dahin wollen wir unsere Kunden motivieren, voller Zuversicht nach vorn zu blicken und mit uns gemeinsam die Herausforderungen anzunehmen, vor die die Pandemie uns alle stellt. Digital-Live-Events sollen und können die unmittelbare Kommunikation nicht gänzlich ersetzen. Der persönliche Austausch, der uns aktuell allen so fehlt, ist nach wie vor entscheidend. Von daher hoffen auch wir auf eine baldige Entspannung der derzeitigen Situation. 

Omar Samhoun: Besonders freuen wir uns über den Mut einiger Kulturbetriebe, ihre geplanten Sommertheater tatkräftig voranzutreiben. Wir können es kaum erwarten, endlich wieder auf den Plätzen zu stehen und gemeinsam wundervolle Theaterabende zu ermöglichen.

Vielen Dank an Timo Dalacker & Omar Samhoun!

Die Fragen stellte DTHG-Vorstandsmitglied und Firmenbeauftragte Sanela Kolb. 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar