PODIUM

Realismus, Realität und die Kunst

Tadeusz Kantor, Virtuelle Realität und Tinguelys Maschinen in Basel

Das Tinguely-Museum in Basel widmet dem polnischen Theateravantgardisten Tadeusz Kantor von Oktober dieses Jahres bis zum 5.1.2020 eine Sonderausstellung. Teil der Ausstellung ist auch eine virtual-reality-performance Croterie von Auriea Harvey und Michael Samyn, die auf dem gleichnamigen Bühenstück Kantors basiert.

Tadeusz Kantor lebte von 1915 bis 1990 und war für die alternative und innovative polnische Theaterszene eine prägende Figur. Seine Arbeiten waren radikal, interdisziplinär und experimentell. Nicht selten hob er die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum auf. 1960 lernte er den schweizer Coppelius Jean Tinguely, dessen kinetische Kunstwerke noch heute weltweit Beachtung finden.

Kantor und Tinguely vermischten in ihren gemeinsamen Arbeiten persönliche Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Erinnerungskultur. Ihr gemeinsames Interesse an prozessualer Kunst und hybriden Medien animierte sie dazu, die Grenzen zwischen Kunst und Realität aufzubrechen.

Insofern ist es auf den ersten Blick passend, den Realitätsbegriff experimentell durch eine VR-Performance zu erweitern. In der Produtkion Où sont les neiges d‘antan (Wo ist der Schnee von gestern) stand Tadeusz Kantor während der Aufführung selbst auf der Bühne, gab Anweisungen, intervenierte in Handlungen und brach die Illusion des Spiels auf. Diese Rolle soll nun der Museumsbesucher interaktiv selbst übernehmen, so die Idee.

Das belgische Künstlerpaar Harvey und Samyn verbachte 2017 im Rahmen eines von der Tadeusz-Kantor-Stiftung bezahlten Stipendiums einen Monat in seinem polnischen Atelier in der Nähe von Krakow. Harvey und Samyn sind der Auffassung, dass eine VR-Version zu Kantors Theateridee ideal passt. Dabei haben sie nicht versucht, die Inszenierung zu rekonstruieren, sondern sind frei damit umgegangen, um etwas Neues entstehen zu lassen.

In der Baseler Ausstellung wurde eine ca. 6x6m große Fläche als Raum markiert, auf einer großen Projektionswand im Hintergrund können die anderen Museumsbesucher etwas von dem sehen, was der Akteur in der virtuellen Welt erlebt und tut, denn auch hier gibt es nur eine 1:1-Begegnung, will sagen nur einem Besucher ist es möglich mittels der VR-Brille in Kantors virtuelle Bühnenwelt einzutauchen.

Nach dem Aufsetzen der Brille und der Übernahme der Controller befindet man sich auf einer Bühne und blickt in einen leeren Zuschauerraum. Dreht man sich um steht man vor einer Tür, die man öffnen kann. Dahinter befinden sich verschiedene Objekte, Personen etc., die man nun auf der Bühne plazieren muss. Im Video ist zu sehen, wie dies in Praxis funktioniert. Man selbst wird quasi zum Regisseur der Szene.

Allerdings hat das seine Tücken. Zum einen ist die technische Umsetzung fehlerbehaftet. Die Figuren verhalten sich unkontrolliert, die Möglichkeiten, sie anzufassen und zu bewegen sind sehr beschränkt. Kinetische Kräfte wirken teilweise nicht nachvollziehbar. Aber diese technischen Makel wären verzeihbar – immerhin stammt das Projekt aus dem Jahr 2017, was in Zeiten der VRAR-Entwicklung eine halbe Ewigkeit ist – es liegt eher daran, dass das Arrangieren der Objekte keine Geschichte erzählt, keinen Sinn ergibt. Hier fehlt eine Story, ein narratives Moment, über das auch die abschließende Parade, die die Objekte um einen herum am Ende vollführen, nicht hinwegtrösten kann.

Die Kraft des Analogen

Wie weit der Weg für virtuelle Lösungen noch ist, um an die Kraft analoger künstlerischer Installationen anschließen zu können, zeigen zwei andere Beispiele der Ausstellung.

Am 24. August 1986 in der Nacht von Freitag auf Samstag um zwei Uhr früh, schlägt ein Blitz in den Bauernhof von André Daffon ein, der in unmittelbarer Nähe zu Jean Tinguelys Atelier nahe Fribourg steht. Das 1801 erbaute Bauernhaus brennt vollständig aus. Es bleiben verkohlte Balken, versengte Eisenteile und bis zur Unkenntlichkeit deformierte Geräte und Landmaschinen zurück. Tnguely, der nach einer schweren Herzoperation im Winter 1985 zwischen Leben und tod schwebt und danach lange rekonvaleszent ist, inspiriert dieses Ereignis zur Schaffung eines zentralen Spätwerks, des Mengele-Totentanzes. Wie besessen sammelt er die übrig gebliebenen Teile zusammen und konstruiert ein 18-teiliges Figurenensemble. Im Zentrum steht eine kinetische Skulptur aus einer Maispresse der Firma Mengele, jener Familie, aus der auch der Arzt Josef Mengele entstammt, der in Ausschwitz grausame Experimente an den Häftlingen vollführte.

In einem abgedunkelten Saal kann man diese Maschinen nicht nur besichtigen, sondern auch in Aktion erleben. Selbst wenn hier der Besucher passiv ist, beeindruckt die Gleichzeitigkeit der mechanischen Bewegungen und der martialische Sound.

Ein anderes Beispiel ist das Plateau agriculturel, 1977 von Tinguely in Basel installiert. Zehn bemalte Maschinenskulpturen im Original in einem Brunnenbecken aufgestellt, die ihren Charakter als Landmaschinen nicht verbergen und aus deren Bewegungen eine ganz eigene Kommunikation entsteht. In beiden Beispielen wird der Betrachter zum Entdecker, der herausfindet, wie es funktioniert und seine eigene Geschichte findet.

Diese Ausstellung in Basel ist dennoch zu empfehlen. Die Welt des Theaters und der Performance sind eindrücklich in den Arbeiten von Kandor und Tinguely zu studieren. Dass damit die in aller Munde virtuelle Realität digitaler Anwendungen nicht mithalten kann, kann man auch als heilsames Korrektiv zum derzeitigen Hype verstehen.

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