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Rückblick: Symposium "Theater und Kulturräume im 21. Jahrhundert als Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft"

Quelle: Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung siehe auch hier…
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Immer mehr Menschen leben in der Stadt. Dabei werden die Städte zwangsläufig immer größer. Vor allem in den Ballungsräumen und erst recht in den Megacitys wird gleichzeitig die Kultur immer wichtiger, um sie vor dem Kollaps zu bewahren. Wie Kultur- und das Theater im Besonderen – dieser Aufgabe gerecht werden kann, erörterten Fachleute aus verschiedenen Nationen am Rande der Messe SHOWTECH am 18. Juni in Berlin. Das internationale Symposium wurde von der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung gemeinsam mit der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft (DTHG) veranstaltet.
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Kultur sei eine wichtige Schnittstelle zwischen dem sozialen Leben und der Wirtschaft, betonte Anne Ruth Herkes, Beamtete Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, in ihrer Begrüßung der rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung. Die Kultur- und Kreativwirtschaft – und hier im Besonderen der weltweite Export deutscher Theaterarchitektur und innovativer Theatertechnik – erweise sich als Erfolgsmodell und Vorzeige-Beispiel für ein gelungenes Nation-Branding.
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Unübersehbar sei, so Prof. Richard Sennett, London School of Economics and Political Science, dass Ballungsräume und Megacitys immer monofunktionaler und langweiliger würden: nur Verkehr, nur Arbeiten, nur Wohnen. Der öffentliche Raum verkomme zur Monokultur, der für die Menschen wenig Anreize zu bieten habe. Sein Plädoyer: Städte müssen „zurück zum Leben“ geplant und gebaut werden. Ein wichtiges Element sei dabei das Theater, unabhängig davon, was in ihm geboten wird. Sein erstes Ziel sei vielmehr der soziale Kontakt: sehen und gesehen werden. Die entscheidende Kraft, die von einem Theaterbau ausgehe, sei seine „animating energy“ für das „Theater des Lebens“. Das Theatergeschehen selbst gebe den Menschen darüber hinaus, was auf der Straße und den Menschen fehle: Selbstbewusstheit und Selbstbewusstsein.
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Wie dies in der Praxis aussehen kann, demonstrierte Stephan Schütz, Architekt bei gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner. Er und seine Mitstreiter verstehen Theaterbauten, die sie sowohl in Deutschland als auch in China realisiert haben, als einzigartige ikonografische Anker-Orte, an denen Menschen (und auch Kultur-Touristen) zusammenkommen. Beispiel: das Berliner Tempodrom, das mit seinem typischen Dach, seinen Holzwänden und dem Asphaltfußboden im Innern eine Mischung von Zelt und Platz werden sollte und von den Menschen angenommen worden sei. Ebenso wie der fulminante Theaterbau im chinesischen Qindao, auf dessen Vorplatz und Treppen sich die Einheimischen zum Tango-Tanzen treffen: Theater, so Schütz, als „Bühne des öffentlichen Lebens“.
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Dass Theater und auch Museen sich zu diesem Zweck öffnen und in die Städte und auf die Menschen zugehen müssen, war eine der Forderungen, die Michael Schindhelm, Autor und Kulturberater, in einer kulturhistorischen und -politischen Tour d’Horizon vermittelte. Beispiele gäbe es bereits viele: von der Straßentheater-Aufführung in Berlin bis zur Rodin-Skulptur „Der Denker“ auf dem Pariser Flughaften Charles de Gaulle. Immerhin sagt Shakespeare, so Schindhelm: „The City is the People“.
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Dieses Zueinanderfinden von Kultur und den Menschen zu fördern, hat sich die Alfred Herrhausen Gesellschaft zur Aufgabe gemacht. Die Menschen wollen keine Wolkenkratzer, sondern Lebensräume. So beschrieb Dr. Ute Weiland die Bedürfnislage derjenigen, die die Gesellschaft dabei unterstützt, ihre Lebensumstände durch Kunst, Musik und auch Theater in den Griff zu bekommen. Sie leben in den Slums, Townships oder Favelas am Rande von Städten wir Mexiko City, Istanbul, Kapstadt oder Rio. Ihr Ziel: Teilhabe. Ihr Medium für diesen Zweck: keine elitäre, sondern gemeinsame Nachbarschaftskultur.
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Diese Beschäftigung mit sich selbst zu ermöglichen und nicht unbedingt Erlebnis-Exzesse: Das sei Aufgabe des Theaters nach dem Verständnis des Deutschen Bühnenvereins, so Rolf Bolwin. Denn unabhängig vom Theatergebäude komme es darauf an, was darin geschehe. Und daran seien nach einer Erhebung des Bühnenvereins die Menschen durchaus interessiert. Was zeige: Stadt ist mehr als ein Ballungsraum. Theater und Kultur seien daher keinesfalls verzichtbar. Sie müssten Teil der kommunalen Stadt- und Posten ihrer Budgetplanung bleiben.
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Wie akribisch eine solche Stadtplanung betrieben werden kann, erläuterten Hans-Joachim Rau, Technischer Leiter der Volksoper Wien, und Prof. Paolo Fusi, Hafencity Universität Hamburg, am Beispiel des Hamburger Schauspielhauses. Das Gebäude, das derzeit noch wie eine Festung den Weg zwischen Hautbahnhof und Innenstadt verstellt, soll sich öffnen. Nicht allein im architektonischen Wortsinn. Die Menschen in Hamburg sollen vielmehr erfahren, was genau sich (auch abseits der Aufführungen) hinter der Theaterfassade abspielt und welche Spitzenleistungen nicht zuletzt auch die vielen Gewerke rund um das Bühnengeschehen vollbringen: Kostümschneider, Schreiner, Maler usw. um zu zeigen, so Prof. Fusi: Stadt und Kultur gehören zusammen.
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Fotos: Adrienne Gerhäuser/DTHG

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